Die Welvaart

Saisonabschluss - oder: Kommen wir noch drüber?

 

Grete lotet die Tiefe

"Sag mal, kommen wir über die Flachstelle noch drüber, bevor das Wasser abläuft?" - so lautet die skeptische Frage an den Schiffsführer der "Welvaart". "Na, schauen wir mal", gibt der Skipper und Eigner des über 100 Jahre alten Zweimastschoners mit einem frechen Grinsen zurück. Während Skipper Chris versucht, das 32m lange und 63t schwere Schiff, das sich bei 8 Windstärken durch den Schlick der Wattensee schiebt, auf Kurs zu halten, lotet seine Freundin Grete immer wieder die Tiefe aus. Dazu verwendet sie einen einfachen Holzstab, an dessen Ende mehrere Markierungen angebracht sind. "Sollte klappen", sagt Grete. "Wir sind schon bei ähnlich wenig Wasser hier durchgefahren. Könnte heute aber einen neuen Flachstellen-Rekord geben!" Eine der Markierungen an dem Stab kennzeichnet die Wassertiefe, bei der die Welvaart beim letzten Mal über dieses Flach zwischen Den Oever und Kornwerderzand gefahren ist. Viel Platz bis zur Markierung ist nicht mehr, wir sind schon fast am Rekord dran.

Wie schon im Vorjahr beging die BSG Segeln auch in 2010 ihren Saisonabschluss auf der "Welvaart". 20 Mitglieder und Freunde enterten Ende Oktober in Enkhuizen am Ijsselmeer für ein Wochenende den ehemaligen niederländischen Frachtsegler. Und wieder fahren wir mit Chris und Grete, dem sympathischen Skipperpaar, das uns auch schon im Vorjahr einen tollen Törn und unvergessliche Erlebnisse bereitet hat.

Nach einem stärkenden Frühstück am Samstagmorgen wird aufgrund des stürmischen Wetters zunächst die Segelfläche verkleinert und dann mit allem, was Wind und Segel hergeben, Kurs in Richtung Abschlussdeich aufgenommen. Der Afsluitdijk, der im vergangenen Jahr sein 75jähriges Bestehen feierte, trennt das Ijsselmeer vom Gezeitenrevier der niederländischen Wattensee . Damals wurde er gebaut, um die Städte und Orte der Zuiderzee, dem heutigen Ijssel- bzw. Markermeer, vor Sturmfluten zu schützen und um Land zu gewinnen. Heute ist der Abschlussdeich eine wichtige Autobahnverbindung zwischen Südholland und den nördlichen Provinzen.

All men on deck!

Zwei Stunden später erreichen wir die Schleuse in Den Oever. Drei Segel mit mehr als 200qm Segelfläche müssen wieder runter, dann geht es durch die enge Schleuse mit Motorkraft, anschließend die Segel wieder hoch. Da müssen alle mit anpacken. Also alle Mann an Deck, auch wenn man es sich gerade im beheizten Salon gemütlich gemacht hat. Rein in die Klamotten, warm einpacken und ab geht's. Wenigstens wird uns beim Ziehen, Kurbeln und Zurren trotz der Witterung nicht kalt. Und von Mal zu Mal bekommen wir mehr Übung mit dem ungewohnt großen Schiff. Unsere Handgriffe werden immer sicherer - wir werden zur eingespielten Crew.

Gaaar nicht soo einfach...

Anschließend nehmen wir Kurs Nord-Ost auf, parallel zum Abschlussdeich bis zur zweiten Schleuse in Kornwerderzand. Ok, der ein oder andere von uns fährt anfangs auch etwas Schlangenlinien, als er zum ersten Mal an dem riesigen Steuerrad steht und steuern darf. Aber das ist normal. Wenn es dann immer besser klappt, stellt sich beim jeweiligen Rudergänger langsam ein Hochgefühl ein. Denn es ist schon was anderes, ein 32m-Schiff zu steuern als die sonst üblichen 8-12m Segelboote: Man spürt hier einfach die Kraft der Elemente, die auf das riesige Schiff einwirkt.

Später dann wieder Segel runter, schleusen, Segel wieder rauf. Als wir am späten Nachmittag bei heftigem Wind unser Tagesziel Makkum erreichen, wissen wir, was wir an diesem Tag getan haben. Aber bei allen Crewmitgliedern macht sich neben der Müdigkeit auch eine gewisse Zufriedenheit breit - Segeln mit einem Zweimaster bei Sturm ist halt doch noch eins der letzten Abenteuer unserer Zeit.

die Welvaart - by Chris K.

Nach einem leckeren gemeinsamen Abendessen an Bord sitzen wir gemütlich zusammen im wohlig beheizten Salon. Diesmal haben wir uns für unseren Skipper eine Überraschung ausgedacht. Da er sich dieses Jahr seinen Herzenswunsch erfüllt hat und das Schiff nun endlich sein Eigen nennen kann, hat einer unserer Mitfahrer ein Bild des historischen Zweimasters gemalt, das wir dem Skipper überreichen. Die Überraschung ist gelungen - der sonst so coole Chris ist gerührt und begeistert zugleich. Dieses Bild wird einen Ehrenplatz an Bord bekommen. Doch nach den aufregenden Erlebnissen des Tages wird der Abend nicht allzu lang, denn alle fallen nach und nach hundemüde, aber glücklich, in die Kojen.

Am nächsten Morgen geht es bei Sonnenschein und immer noch frischem Wind wieder in Richtung Heimathafen. Heute ist das Segeln purer Genuss. Noch schnell auf den Klüverbaum geklettert, der ca. 5-6m vor den Bug reicht, um ein Gruppenfoto als Erinnerung zu schießen. Gegen 16 Uhr sind wir wieder in Enkhuizen und segeln bis zu unserem Liegeplatz. Das Bergen der Segel läuft mittlerweile wie im Schlaf. Die Crew arbeitet Hand in Hand, wir sind ein Team geworden. Und gerade wenn's am schönsten ist, heißt es wieder Abschied nehmen - von der Welvaart, von Chris und Grete, von Enkhuizen und zuletzt auch vom Ijsselmeer.

Aber es ist kein Abschied für immer. Denn das Schiff und seine Mannschaft sind uns mittlerweile ein Stück ans Herz gewachsen. Und diese Fahrt war genauso kultig wie auch schon die letzte. So werden wir den Saisonabschluss 2011 auch wieder auf der Welvaart begehen. Komm dann doch mal mit - es lohnt sich!

Ach übrigens: Ja, wir haben natürlich den Flachstellen-Rekord um 3cm gebrochen - war doch klar, oder?   

schrub dat Sandra